Flüchtlinge sollen eigene Häuser bauen

Indianersiedlung: Alternatives Wohnviertel will weiter wachsen – Scharfe Kritik an Wohnungsplänen der Stadt

Die Idee hat Tradition, erst Recht an diesem Ort: Die Genossenschaft der Bewohner der Zollstocker Indianersiedlung und der Kölner Architekt Bodo Marciniak möchten mit Flüchtlingen Häuser bauen, die sie später bewohnen. „Das ist ein sehr ernsthafter Versuch von umfassender Integration“, sagt der Architekt. Das, was die Bewohner und Helfer an Eigenleistung erbringen, soll das fehlende Eigenkapital ersetzen. Vorbild ist das Projekt der Initiative „Bauen, Wohnen, Arbeiten“, die mit Marciniak auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne Klerken in Ossendorf mit und für Obdachlose gebaut hat – ein Erfolgsmodell, dass Nachahmer sucht, findet die „Siedlergenossenschaft Kalscheuer Weg“, wie der Zusammenschluss der Bewohner der Zollstocker Siedlung am Südfriedhof offiziell heißt. Im Volksmund ist sie als Indianer-, manchem auch als Minnesota-Siedlung bekannt.

Die Siedlung gilt als idyllisches Dorf für Eigenbrötler, Künstler, Ex-Hippies und Ex-Mitglieder der alternativen Szene in der Stadt. Das stimmt nur zum Teil – und vor allem war das nicht immer so. Ihre Geschichte begann in den 1920er Jahren mit kinderreichen Familien und Arbeitslosen, denen die Stadt Grundstücke überließ, damit sie selbst Häuser errichten konnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten hier Menschen, die ihr Heim verloren hatten, weiter. Die Stadt duldete die Eigeninitiative der improvisierenden Häuslebauer genau wie die Kleintierhaltung, die mancher zur Selbstversorgung betrieb. Mit dem Bauprojekt für Flüchtlinge knüpfen die Siedler nun an die Geschichte ihres Viertels an, das von der bunten Vielfalt improvisierter Baustile geprägt ist.

Ganz freiwillig ist die Initiative nicht: Die Stadt hat Flächen rund um die Siedlung, aber auch ihre Ortsmitte – eine grüne Wiese für Veedelsfeste, Martinssingen, Zirkusvorführungen und grasende Pferde – für den Geschosswohnungsbau im Blick. Es ist eines von vielen Arealen, über die zur Zeit diskutiert wird, um auf Wohnungsnot und Bevölkerungswachstum zu reagieren. Wie überall in der Stadt regt sich auch in der Indianersiedlung der Widerstand...

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Ein Artikel von Helmut Frangenberg
Kölner Stadt-Anzeiger, 30.08.2016